Gastartikel
Ich kann nicht aufhören oder ich werde nicht aufhören
„Ich möchte in dieser Beratungsgruppe nicht angesprochen werden. Ich höre mit dem Rauchen auf, aber ich möchte nicht darüber reden. Bitte sprechen Sie mich nicht an.“ Diese Bitte wurde vorgetragen von einer Frau, die sich vor mehr als 20 Jahren für einen meiner Kurse anmeldete. Ich sagte, „Natürlich. Ich werde Sie nicht zwingen zu sprechen, aber wenn Sie etwas beitragen möchten, zögern Sie nicht.“ Daraufhin wurde sie wütend und sagte: „Vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt – ich will nicht reden! Wenn Sie mich zum Reden bringen wollen, stehe ich auf und gehe.
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Wenn Sie mich mit einem fragenden Gesichtsausdruck anschauen, bin ich hier sofort weg. Ist das klar?“ Ich war ein wenig geschockt, sagte ihr jedoch, dass ich ihrem Wunsch nachkommen würde. Ich hoffte, dass sie während des Kurses ihre Meinung ändern würde und ihre Erfahrungen mit der Gruppe und mir teilen würde, aber wenn ich ehrlich sein soll, habe ich nicht damit gerechnet.
An dem Kurs nahmen ungefähr 20 weitere Raucher teil. Alles in allem war es eine gute Gruppe, außer zwei Frauen, die ganz hinten saßen und dauernd quatschten. Andere Kursteilnehmer drehten sich herum und baten sie, ruhig zu sein. Dann hörten sie für ein paar Sekunden auf zu reden, nur um dann mit noch mehr Enthusiasmus wieder anzufangen. Manchmal teilten andere Teilnehmer traurige persönliche Erfahrungen mit der Gruppe, und die beiden lachten über irgendeine lustige Geschichte, ihre Umgebung war ihnen überhaupt nicht bewusst.
Am dritten Kurstag geschah etwas Bahnbrechendes: Die beiden Quasselstrippen waren wie gewöhnlich dabei, ihre Party zu feiern. Eine junge Frau von Anfang zwanzig bat darum, zuerst sprechen zu dürfen, weil sie früher gehen müsse. Die beiden Klatschbasen hörten immer noch nicht zu und führten ihre Privatunterhaltung fort. Die junge Frau, die gehen musste, sagte: „Ich kann nicht lange bleiben, heute ist etwas ganz Furchtbares passiert. Mein Bruder ist bei einem Unfall ums Leben gekommen.“ Sie musste die Tränen zurückhalten, um weiter sprechen zu können. „Ich wollte sogar heute abend gar nicht kommen, ich soll meiner Familie helfen, die Beerdigung zu arrangieren. Aber ich wusste, dass ich vorbeikommen musste, um mit dem Nichtrauchen weiterzumachen.“ Sie hatte zwei Tage zuvor aufgehört, und es war ihr wichtig, nicht zu rauchen.
Die Teilnehmer fühlten sich schrecklich, aber sie waren so stolz auf sie, es ließ alles, was ihnen während des Tages widerfahren war, trivial erscheinen. Dies galt für alle – mit Ausnahme der beiden Damen in der letzten Reihe. Die hatten nichts von alledem mitbekommen. Gerade als die junge Frau erzählte, wie nahe sie und ihr Bruder sich gestanden hätten, brachen die beiden Klatschbasen in Gelächter aus. Sie lachten nicht über die Geschichte, sie lachten über etwas völlig Anderes und hatten nicht einmal mitbekommen, was gerade diskutiert wurde. Kurz danach entschuldigte sich die junge Frau, die gerade ihren Bruder verloren hatte, um zu ihrer Familie zurückzukehren. Sie sagte, sie würde sich demnächst melden, und dankte der Gruppe für die Unterstützung.
Ein paar Minuten später war ich gerade dabei, der Gruppe eine Geschichte zu erzählen, als plötzlich die Dame aufstand, die um Anonymität gebeten hatte. Sie unterbrach mich mitten im Satz und sagte ganz laut: „Entschuldigen Sie, Joel. Ich hatte eigentlich vorgehabt, während des gesamten Kurses hier kein Wort zu sagen. Am ersten Tag habe ich Joel gebeten, mich nicht anzusprechen. Ich sagte ihm, dass ich den Raum verlassen würde, wenn ich sprechen müsste. Ich wollte niemanden mit meinen Problemen belasten. Aber heute kann ich nicht länger ruhig bleiben. Ich muss meine Geschichte erzählen.“ Es war ganz still im Raum.
„Ich habe Lungenkrebs im Endstadium. Innerhalb der nächsten zwei Monate werde ich sterben. Ich bin hergekommen, um mit dem Rauchen aufzuhören. Ich möchte klar stellen, dass ich mir nicht vormache, mein Leben zu retten, wenn ich aufhöre zu rauchen. Für mich ist es zu spät. Ich werde sterben, und es gibt verdammt noch mal nichts, was ich dagegen tun könnte. Aber mit dem Rauchen werde ich aufhören.
Vielleicht wundern Sie sich jetzt, warum ich aufhöre, wenn ich doch sowieso sterbe. Nun, ich habe meine Gründe. Als meine Kinder klein waren, haben sie mich immer wegen des Rauchens genervt. Ich habe ihnen immer wieder gesagt, sie sollen mich in Ruhe lassen, und dass ich aufhören will, aber nicht kann. Ich habe das so oft gesagt, dass sie irgendwann aufhörten zu betteln. Aber jetzt sind meine Kinder zwischen zwanzig und Mitte dreißig, und zwei von ihnen rauchen. Als ich von meinem Krebs erfuhr, habe ich sie angefleht, aufzuhören. Mit einem schmerzlichen Gesichtsausdruck haben sie mir geantwortet, dass sie zwar wollten, aber nicht könnten. Ich weiß, wo sie das herhaben, und ich bin deshalb wütend auf mich. Also höre ich auf, um ihnen zu zeigen, dass ich unrecht hatte. Es ist nicht wahr, dass ich nicht aufhören konnte – ich wollte einfach nicht! Ich habe nun seit zwei Tagen nicht mehr geraucht und ich weiß, dass ich nie wieder eine Zigarette rauchen werde. Ich weiß nicht, ob deswegen irgendjemand aufhört, aber ich musste meinen Kindern und mir selbst beweisen, dass ich aufhören kann. Und wenn ich es kann, können sie es auch, dann kann es jeder.
Ich habe mich zu diesem Kurs hier angemeldet, weil ich ein paar Tipps haben wollte, wie man sich das Aufhören leichter machen kann, und weil ich wissen wollte, wie die Leute hier reagieren würden, wenn man sie über die wahren Gefahren des Rauchens aufklärt. Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß … Wie auch immer, ich habe hier gesessen und Ihnen allen gut zugehört. Ich fühle für jeden Einzelnen von Ihnen und bete dafür, dass Sie alle es schaffen werden. Auch wenn ich kein Wort zu irgendjemand von Ihnen gesagt habe, fühle ich mich Ihnen allen nahe. Ihr Teilen hat mir geholfen. Wie gesagt, ich hatte eigentlich nicht vor zu reden. Aber heute muss ich einfach. Und lassen Sie mich Ihnen auch sagen, warum.“
Dann drehte sie sich herum zu den beiden Damen ganz hinten, die während dieser Rede eigentümlicherweise still gewesen waren. Sie bekam einen richtigen Wutanfall: „Der einzige Grund, warum ich heute spreche, ist der, dass Sie zwei ZICKEN mich wahnsinnig machen! Sie sitzen dahinten und feiern, während die anderen hier miteinander teilen und versuchen, sich gegenseitig das Leben zu retten.“ Sie erzählte dann, was die junge Frau über ihren Bruder gesagt hatte, und dass sie die ganze Zeit gelacht hätten, weil sie von alledem nichts mitbekommen hätten. „Tun Sie mir einen Gefallen und hauen Sie ab! Verschwinden Sie, rauchen Sie weiter und fallen Sie meinetwegen tot um, das ist uns hier völlig egal, denn Sie lernen hier nichts und tragen gar nichts bei!“ Die beiden saßen völlig geschockt da. Ich musste die Gruppe ein wenig beruhigen, ziemlich stark sogar, denn die Atmosphäre war von den Geschehnissen richtiggehend geladen. Ich ließ die zwei Damen dableiben, und ich muss wohl nicht erwähnen, dass mit dem Quatschen in der letzten Reihe für die gesamten zwei Wochen des Programms Schluss war.
Alle, die an jenem Abend anwesend waren, haben das Programm erfolgreich abgeschlossen. Bei der Abschlussfeier wurde den beiden Damen, die anfangs nur miteinander geredet hatten, von allen Beifall gespendet, sogar von der Dame mit dem Lungenkrebs. Alles war vergeben. Das Mädchen, das seinen Bruder verloren hatte, kam auch, und sie war immer noch rauchfrei und sehr stolz auf sich. Die Dame mit dem Lungenkrebs nahm stolz ihr Zertifikat entgegen und stellte uns einen ihrer Söhne vor. Der hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine ganze Woche nicht geraucht. Tatsächlich hatte die Dame mit dem Krebs zu dem Zeitpunkt, als sie ihre Geschichte mit uns teilte, ihrer Familie noch nicht einmal erzählt, dass sie mit dem Rauchen aufgehört hatte.
Erst ein paar Tage später, als sie eine Woche rauchfrei war, hatte sie es ihrem Sohn erzählt. Er war sehr erstaunt und sagte, wenn sie aufhören könne, dann könne er es auch. Am selben Tag rauchte er seine letzte Zigarette. Sie war außer sich vor Freude. Sechs Wochen später siegte der Krebs. Ich erfuhr davon, weil ich sie anrief um herauszufinden, wie es ihr wohl ginge, und ihren Sohn in der Leitung hatte. Er bedankte sich bei mir, weil ich ihr geholfen hatte, zum Schluss doch noch aufzuhören. Er erzählte mir, wie stolz sie auf sich gewesen sei, weil sie aufgehört hatte, und wie stolz er auf sie gewesen war, und dass sie sehr glücklich gewesen sei, weil auch er aufgehört hatte. Er sagte, „Sie hat nie wieder angefangen, und ich werde auch nie wieder rauchen.“ Am Ende hatten die beiden sich gegenseitig ein großes Geschenk gemacht. Er war sehr stolz, dass ihr letzter Atemzug ein rauchfreier gewesen war, denn sie hatte nie wieder einen einzigen Zug genommen.
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Nachsatz: Normalerweise sage ich, dass Sie nicht für jemand anderen mit dem Rauchen aufhören können, es muss für Sie selbst sein. Bis zu einem gewissen Grad spricht diese Geschichte gegen meine These. Die Dame mit dem Lungenkrebs hörte auf zu rauchen, weil sie ihre Kinder vor dem Schicksal bewahren wollte, das ihr bevorstand. Außerdem wollte sie beweisen, dass sie ihnen etwas Falsches beigebracht hatte. Denn sie hatte ja immer gesagt, dass sie „nicht aufhören könne“. Eigentlich wollte sie aber damals nicht aufhören. Zwischen diesen beiden Aussagen besteht ein großer Unterschied. So ist es bei allen Rauchern. Die Dame in dieser Geschichte hat Jahre später bewiesen, dass sie aufhören konnte, zu spät, um ihr Leben zu retten, aber nicht zu spät, um ihre Söhne zu retten. Wenn Sie das nächste Mal jemanden sagen hören, ich kann nicht aufhören, wissen Sie, dass es nicht wahr ist. Sie können aufhören. Jeder kann aufhören. Der einzige Trick dabei ist, nicht zu warten, bis es zu spät ist.
This Article is reproduced from “Never Take Another Puff”; Copyright © Joel Spitzer, 2003 This book or any portion thereof may be freely distributed in either electronic or print form so long as no charge is made for it, and so long as this notice remains with any significant portion of the work when distributed. WhyQuit.com »
